Jun 07

Interview im “Zürcher Freisinn” Nr. 3/2010 (S.11)

Alain Schreiner hat im Januar das Präsidium der Jungfreisinnigen Kanton Zürich (JFZH) übernommen. Nach den ersten drei Monaten im Amt stellt er sich den Fragen der «Freisinn»-Redaktion im Interview.

Herr Schreiner, wie sind Ihre Eindrücke nach dem ersten Quartal als Parteipräsident?
Die Arbeit macht mir grosse Freude. Da ich seit einigen Jahren im Vorstand der JFZH mitarbeite und die Abläufe kenne, konnten wir ohne grosse Einarbeitungszeit mit der politischen Arbeit fortfahren. Der Motor der kantonalen Jungfreisinnigen ist aber das gesamte Vorstandsteam, welches schon seit einiger Zeit zusammenarbeitet und dieses Jahr noch mit weiteren kompetenten Köpfen verstärkt wurde. Ich bin dankbar, mit einer solch motivierten Truppe zusammenarbeiten zu dürfen, und schätze auch den guten Kontakt zu unseren Orts- und Bezirksparteien.

Was sind Ihre Ziele mit den Jungfreisinnigen?
Einerseits möchte ich das Profil der Jungfreisinnigen als liberale Kraft der Freiheit weiterhin schärfen. Mit der Verabschiedung unserer Kernthemen «Bevormundung stoppen!», «Sicherheit schaffen!» und «Steuern senken und vereinfachen!» haben wir bereits letztes Jahr eine gute Basis gelegt. Mit diesen Themen treffen wir den Nerv der Bevölkerung und politisieren nicht in intellektuellen Sphären. Jetzt müssen wir diese Prinzipien im politischen Alltagsgeschäft konsequent leben und umsetzen. Die Profilschärfung verhilft auch den weiteren Zielen wie der Stärkung der Mitgliederbasis und der Erhöhung unserer Behördenvertretung zum Durchbruch.

Wie stehen Sie zur Tatsache, dass die Jungfreisinnigen hin und wieder als «liberale Gralshüter» bezeichnet werden?
Dieses Kompliment nehme ich natürlich gerne entgegen. Unsere freisinnigen Vorfahren haben einen Staat erschaffen, der dem Bürger ein sehr hohes Mass an individueller Freiheit zugesteht. Dieser konsequent gelebte Liberalismus ist das Fundament unseres Wohlstandes. In Krisenzeiten haben die Freisinnigen die hart errungenen Freiheiten immer wieder verteidigt, und es lohnt sich, auch heute für sie einzustehen. Die Schweiz braucht eine Partei der offenen Märkte, der tiefen Steuern und der unternehmerischen Freiheit. Das ist die Rolle der FDP, und nur mit Besinnung auf diese Grundwerte kann unsere Partei erfolgreich politisieren.

Im Februar haben Sie die Marschrichtung in der Steuerpolitik mit einer provokativen Plakatkampagne gegen die deutsche Bundesregierung unter grosser Medienaufmerksamkeit abgesteckt.
Als die deutsche Bundesregierung angekündigt hatte, gestohlene Bankkundendaten ankaufen zu wollen, ist die Idee entstanden, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble auf Plakaten im Wild- West-Stil zur Fahndung auszuschreiben. Wir wollten damit ein Zeichen setzen, dass sich auch eine Regierung an den Rechtsstaat halten muss. Indem sie Diebesgut ankauft, begeht die deutsche Regierung nämlich nicht nur Rechtsbrüche, sondern sie ruft auch potentielle Nachahmer indirekt zur Industriespionage in der Schweiz auf. Als souveräner Staat können und dürfen wir diesen Umgang nicht akzeptieren.

War das aber nicht reine Schaumschlägerei ohne nachhaltige Wirkung?
Im Gegenteil, unsere Plakatkampagne hat bewirkt, dass die liberale schweizerische Argumentation in Deutschland überhaupt wahrgenommen wurde. Und wir haben es ja nicht bei diesem provokativen Akt bewenden lassen, sondern kurz darauf ein Positionspapier zur jungfreisinnigen Finanzplatzstrategie veröffentlicht. Sehr erfreut waren wir auch, dass die FDP Schweiz mit Doris Fiala und Filippo Leutenegger das Thema aufgegriffen und eine Staatsklage gegen Deutschland gefordert hat.

Zum Schluss noch zwei persönliche Fragen: Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
«The Right Nation» von Adrian Wooldridge und John Micklethwait. Es beschreibt die Ursachen des amerikanischen Konservatismus und den Erfolg der Republikanischen Partei in den 1980erund 1990er-Jahren. Auch politstrategisch und kampagnentechnisch ein sehr interessantes Werk.

Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne ein Abendessen verbringen?
Falls ich aus der Vergangenheit und der Gegenwart schöpfen darf: mit Ronald Reagan oder Margaret Thatcher. Zwei der grössten Botschafter des Liberalismus im 20. Jahrhundert. Sie haben sich konsequent gegen jegliche Form des Sozialismus aufgelehnt, ihre Länder mit marktwirtschaftlichen Rezepten in eine bessere Zukunft geführt und die Werte der Freiheit in einer sympathischen Art und Weise in die Welt hinausgetragen.